Offener Brief an einen politischen Analphabeten

von Markus Schaaf (Kommentare: 0)

Standpunkt im Tössthaler vom 7. September 2018

Lieber Ajdin

Letzte Woche war dein Bild in einer Gratis-Zeitung zu sehen mit dem Zitat: «Ich beschäftige mich gar nicht mit Politik, weil ich direkt nie etwas damit zu tun habe.» Bei der Bildunterschrift stand dein Name, dass du 16 Jahre alt bist und dich in der Ausbildung zum Heizungsinstallateur befindest.

Es gibt viele Jugendliche und Erwachsene, die gleich denken wir du. Der deutsche Schriftsteller Bert Brecht bezeichnete Menschen mit deiner Einstellung als «politische Analphabeten.» Mit diesen Zeilen will ich aber niemanden beleidigen. Viel mehr will ich dir aufzeigen, wie falsch du mit deiner Meinung liegst.

Es mag dich jetzt überraschen, aber dass du eine Schule besuchen konntest und jetzt eine Lehre absolvierst, hast du der Politik zu verdanken. Deine Wohngemeinde musste dir einen Schulplatz anbieten. Dafür braucht sie Schulhäuser, Turnhallen und Lehrpersonen. Die Lerninhalte der einzelnen Schulfächer wurden vom Bildungsrat erarbeitet. So stellen wir im Kanton Zürich sicher, dass in allen Gemeinden etwa die gleichen Lerninhalte vermittelt werden.

Vielleicht bist du froh, dass du die Schule endlich abschliessen konntest und diesen Sommer die Lehre begonnen hast. Auch hier hat die Politik – zusammen mit den Ausbildungsbetrieben – dafür gesorgt, dass dies möglich wurde. Das Mittelschul- und Berufsbildungsamt musste deinen Lehrvertrag genehmigen. Es sorgt dafür, dass Lernende nicht als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden, sondern von ausgebildeten Fachleuten eine gute Ausbildung erhalten. Vielleicht gefällt dir die Arbeit in deinem Beruf so sehr, dass du plötzlich motiviert bist, noch weiter Neues zu lernen. Dann kannst du im letzten Lehrjahr die Aufnahmeprüfung für die Berufsmittelschule machen. Wenn die Noten stimmen, kannst du in ein oder zwei Jahren die Berufsmatura machen und später am Technikum oder einer Fachhochschule studieren und sogar Ingenieur werden. Du gelangst so zu einem Hochschulabschluss, ohne dass du dafür ins Gymnasium gehen musstest. Die Politik nennt diese Möglichkeit «duale Ausbildung». Viele Länder beneiden uns um dieses geniale Ausbildungssystem.

Dein Lehrbetrieb wird regelmässig vom Arbeitsinspektorat des Kantons besucht. Dabei wird überprüft, ob alle Bestimmungen zum Schutz von Jugendlichen eingehalten werden. Zum Beispiel darfst du in deinem Alter noch nicht am Abend oder am Sonntag arbeiten – auch wenn dein Betrieb einen Pikettdienst hat.

Ich hoffe, dass du die drei Jahre Lehrzeit ohne Unfall und ohne Krankheit überstehst. Aber falls du doch einmal einen Unfall hast, kannst du darauf zählen, dass eine Ambulanz innert wenigen Minuten bei dir ist und dich in ein Spital bringt. Dort sind gut ausgebildete Fachpersonen bereit, dich wiederherzustellen. Sie verfügen über eine moderne Infrastruktur und neueste Technologie, um Menschen in Notfällen zu versorgen. Und das Beste dabei ist, du brauchst dir über die Kosten keine Sorgen zu machen. Als Arbeitnehmer bist du durch deinen Lehrbetrieb gegen Unfallkosten versichert. Das gilt sogar, wenn der Unfall in der Freizeit geschieht. Wenn du krank wirst, übernimmt die Krankenkasse den grössten Teil der Behandlungskosten. Das wurde alles durch die Politik geplant.

Übernächstes Jahr wirst du 18 Jahre alt und giltst dann als Erwachsener. Sicher kannst du es kaum erwarten, die Autoprüfung zu machen. Bis dahin fährst du mit der Bahn in die Berufsschule. Die Politik plant sowohl den Bau von Strassen, wie auch das Angebot vom öffentlichen Verkehr. Neben Autofahren und Steuern zahlen gibt es noch weitere Veränderungen, wenn du 18 wirst. Deine Krankenkassenprämie wird dann etwa verdreifacht. Während du in der Ausbildung bist, bekommst du deshalb vom Kanton Zürich einen Teil deiner Krankenkassenprämie bezahlt. Wenn dein Vater allerdings mehr als etwa 7'000 Franken im Monat verdient, wird diese Prämienver­billigung für dich künftig wegfallen – wenigstens wenn es nach dem Willen von unserem Gesundheitsdirektor geht. Hier streiten sich die politischen Parteien über das weitere Vorgehen. Die Kantonsratswahlen vom nächsten Frühling werden einen wesentlichen Einfluss haben, in welcher Art das entsprechende Gesetz (EG KVG) angepasst wird und ob du in zwei Jahren Prämienverbilligung erhalten wirst.

Und noch etwas ändert sich, wenn du 18 wirst. Du kannst dann wählen und abstimmen. Nutze diese Möglichkeit um Einfluss zu nehmen auf all die Dinge, die dich ganz unmittelbar betreffen: Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Finanzen, Verkehr, Energie und Umwelt. Beteilige dich bei Abstimmungen und wähle Frauen und Männer, von denen du weisst, dass sie deine Interessen vertreten. Und wer weiss, vielleicht wirst du ja sogar selber einmal Politiker.

Ich wünsche dir viel Erfolg bei deiner Ausbildung und einen wachen Blick für all die Entscheidungen aus der Politik, die dein Leben ganz direkt beeinflussen.

Herzliche Grüsse
Markus Schaaf, EVP Kantonsrat

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